Marktstraße 88

Noch steht es etwas unscheinbar neben der imposanten St.-Cyriakus-Kirche: Das Fachwerkhaus mit verwittertem roten Holzanstrich und weißen Gefachen, von denen die Farbe abblättert. Die Stadt Duderstadt hatte das historische Fachwerkhaus 1971 erworben, seit 1976 war dort die Stadtbibliothek untergebracht. Bei Restaurierungsarbeiten in den 1990er Jahren wurde der Schieferbehang an der Wetterseite abgenommen, das Fachwerk sollte wieder sichtbar sein. „Das war eine falsche Entscheidung“, sagte Architekt Michael Schmutzer, der dieses Haus für den jetzigen Besitzer Prof. Hans-Georg Näder, restaurieren soll und muss, da die Stockwerksschwelle wetterseitig derart geschädigt ist, dass die Außenwand innenseitig bereits abgestützt werden musste. Beim Gang ums Haus sind zudem unsachgemäße Restaurierungsversuche späterer Jahre an Eckständern, Schwellen und Riegeln erkennbar, Feuchteschäden durch Anheben des Straßenniveaus bis zur Schwelle und die Tatsache, dass der Betonfußboden im Erdgeschoss des Gebäudes nicht von der Holzkonstruktion entkoppelt worden war, beschleunigen den Substanzverfall.
Bekannt als Alte Bibliothek steht auf einer Infotafel zu lesen, dass es auch als das „Gerodesche“ oder das „Bertramsche Haus“ bezeichnet wurde. 1627 als Wirtschaftshof und Gästehaus im Auftrag der Benedktiner Abtei zu Gerode erbaut, erwarb es 1676 der Erzbischöfliche Kommissar Dr. Herwig Böning, 1787 nannte es Pfarrer Heinrich Philipp Eibes sein Eigen, seit 1908 gehörte es dem Arzt und Senator Dr. Carl Bertram. Neben dem 1620 erbauten und reich verzierten Fachwerkbau, dem Tabalugahaus und dem angrenzenden Jugendstilgebäude des Duderstädter Mäzen Näder, ist die Alte Bibliothek nicht nur das dritte Gebäude an diesem Platz, vielmehr verbirgt sich darauf eine historische Kostbarkeit.
Während sich auf dem niedrigen Erdgeschoss zwei auskragende Stockwerke erheben, die giebelseitig zur Aussteifung lediglich Fußbänder und Andreaskreuze, als Schmuckelemente das thüringer Leiterfachwerk und wenige Schnitzereien in den Füllhölzern vorweisen, thront über dem zweiten Stockwerk eine Dachkonstruktion, die diesem Bauwerk eine wertvolle Krone aufsetzt. In das beidseitig gewalmte Pfettendach mit doppeltem liegendem Stuhl wurde ein dreistöckiger, auskragender Erker eingebaut. Wer sich dieses Baukunstwerk vom Marktplatz aus betrachtet, der erkennt, dass sich im Erdgeschoss direkt unter dieser Erkerkonstruktion der Haupteingang befunden haben dürfte. Die Anordnung der Ständer und Riegel deutet darauf hin. Architekt Michael Schmutzer will diesen ursprünglichen Eingang bald wieder öffnen. Zwar ist das Nutzungskonzept noch nicht im Detail mit dem Bauherrn abgestimmt, aber der Spezialist bei der Sanierung von denkmalgeschützten Fachwerkhäusern hat einen Blick für die Kostbarkeiten dieser Holzkonstruktionen.
Von seinem ersten Gedanken, das gesamte dreistöckige Dachgeschoss zum Wohnraum auszubauen, scheint er sich mit jedem Gang in diese einmalige Welt der Dachbaukunst weiter zu entfernen.
Der doppelte liegende Dachstuhl mit Kopfbügen wird für den Fachmann von Mal zu Mal wertvoller. Das Dachgeschoss ist beinahe unverändert, lediglich sichtbar verlegte Elektrokabel, wenige Unterspannbahnen und ein mit Steinwolle eilig gedämmter Schornsteinzug stören die Harmonie dieses Ortes. Dass auch dieser historische Fachwerkbau keiner statischen Berechnungen von heute standhalten würde, wird bei der Betrachtung der nach oben gebogenen Deckenbalkenlagen klar, die der giebelseitigen Absenkung des Erkers geschuldet ist. Um etwa 15 Zentimeter wurde die Holzkonstruktion dabei aus ihrer ursprünglichen Lage gehoben, wer glaubt, dass das gefährlich ist, der irrt. Dennoch bleiben bei einer Sanierung die Auflagen des Statikers immer wieder eine echte Herausforderung.
Für das Gebäude – mit über 350 Quadratmetern Wohnfläche bei großzügigen Deckenhöhen – sind viele Nutzungskonzepte möglich. An einem soll demnächst intensiv gearbeitet werden. Dass die innenseitige Dämmung der Außenwände durchgehend mit Lehm, Hanf und Wandheizung ausgeführt und beim Innenausbau der Lehmbau zum Tragen kommt, steht hier außer Frage. Moderne Licht- und Haustechnik, wohngesunde Lehm- und Leinölfarben sollen hier Einzug halten und das Ergebnis eine sinnvolle und gleichzeitig ästhetische Fachwerksanierung zur Eröffnung im Jahr 2017 zeigen. Der Schieferbehang wird ganz sicher wetterseitig wieder angebracht werden und als Highlight vielleicht ein begehbares Dachgeschoss entstehen, das zeigt, wie eine historische Dachkonstruktion einem unscheinbaren Fachwerkhaus zur Krone gereichen kann. Eigentümer Hans-Georg Näder will das Gerodesche Haus wie Phönix aus der Asche wieder auferstehen lassen. Die sach- und fachgerechte, nachhaltige Sanierung stehe dabei im Vordergrund, eine genaue Kenntnis über die Geschichte des Hauses sind dabei ebenso wichtig, wie die baulichen Details und der Umgang damit. (Diana Wetzestein)